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Hollunderzeit (für Cordelia)

Der dem Hollunder die Sterne zu Tellern

schmiedete und sie mit Süßem gefüllt:

Juni! in elbischer Haut, von dem hellern

Mantel der Nächte ekstatisch umhüllt -

 

Hör deinen Liebling, den bläulichen, dichten

Ammenbusch, rieselnd von Rätsel und Reim

und bis ins milchige Mark voll Geschichten

»Töchterchen! Söhnchen! Zu träumen, kommt heim!«

 

Demeter wartet. Es warten die Mütter

mächtiger Riesen. Die Nornen, die drei,

formen zur Kugel den Blitz im Gewitter,

schneiden den Faden nicht. Eiapopei!

 

Geisterzug wiegt sich auf schwankenden Ästen,

Tau füllt den Tränenkrug herztotem Kind,

aber der Tropfen, schon zitternd am festen

Rande - er läuft nicht. Denn Götter: sie sind.

 

Schwebe des Jahres, Hollunder und Rose

halten einander voll Freude verschränkt.

Leise lacht Holla. Heut wurde die große

Hoffnung all ihren Geburten geschenkt.

 

Einfaches Liedchen. Die Sternbilder ziehen,

Rosenblatt, Hollerbaum duften verwandt.

Schlafe du, träume du! Beide Marien

binden und lösen dir Windel und Band.

 



Schneckenhaus und Rose

I

Zart gedrehte, kleine Tschorte,

wolkengraues Haus.

Spiel der Luft vor deiner Pforte

tanzt die Klage aller Orte:

»Weiß nicht Ein, noch Aus...«

 

Ariadnes leere Schale,

dunklen Fadens Gang,

süßer Zauber der Spirale -

Theseus! ruft es hundertmale,

Theseus? fragt es bang.

 

Kehre wieder! summt die Höhle,

seufzt das Heiligtum.

»Nicht zu dir - die ich erwähle,

Rose, der ich mich vermähle,

dir kehrt Theseus um!«

 

II

Unverführter Liebesgüte

innerstes Gezelt,

wo sich Duft und Form der Mythe

(Labyrinth und reine Blüte)

weithin offenhält,

 

Ganz in Hauch gelöster Hades,

wenn einst Blatt um Blatt

fällt, und an dem Ziel des Pfades

Krümmung und der Schwung des Rades

endlich Ruhe hat -

 

sprichst du nicht: da unter Laren

Liebe ihr euch schwurt,

Ariadne, laß nun fahren

deinen Helden in den klaren

Schoß der Neugeburt!



Orpheus mit der Rose

Bist du, mir emporgesandt,

endlich wieder da?

Hundertblättriges Gewand,

ließ dich los des Hermes Hand,

noch zum Greifen nah?

 

Todesgöttin ernst verhüllt

wie ein Nardenkrug,

Duft, der maßlos höher schwillt,

Balsam, der dem Schoß entquillt:

Ist's der Qual genug?

 

Brüste, kennt ihr schon nicht mehr

den, dem es gefiel,

euren Bug, begierdeleer

zu berühren, zart und schwer

wie ein Saitenspiel?

 

Hüften, Schenkel, Glied um Glied

tiefen Schlafes voll...

Daß der Traum, euch niederzieht,

oder wollt ihr, daß mein Lied

euch erwecken soll?

 

Stille. Wie in Plutos Haus

weder Ja, noch Nein.

Leise schlüpft zurück die Maus,

doch ein Name weht voraus

wie des Morgens Schein.

 

Sein Gewölbe sphärisch legt

sich um meinen Leib:

Mutter, die mich mystisch hegt,

Ungeboren mich, trägt,

heute sagst du: »Bleib!«

 

In dem Haus der Rose ruht

wunschlos mein Geschlecht.

Wenn einst der Mänade Wut

mir zerstücket Fleisch und Blut,

ist es Orpheus recht.

 

Haupt und Leier schwimmen dann

auf dem Samenstrom.

Beides ward ich: Weib und Mann,

Allnatur, erlöst vom Bann,

Wurzel und Arom...



Frühling 1946 (für Cordelia)

Holde Anemone,

bist du wieder da

und erscheinst mit heller Krone

mir Geschundenem zum Lohne

wie Nausikaa?

 

Windbewegtes Bücken,

Woge, Schaum und Licht!

Ach, welch sphärisches Entzücken

nahm dem staubgebeugten Rücken

endlich sein Gewicht?

 

Aus dem Reich der Kröte

steige ich empor,

unterm Lid noch Plutons Röte

und des Totenführers Flöte

gräßlich noch im Ohr.

 

Sah in Gorgos Auge

eisenharten Glanz,

ausgesprühte Lügenlauge

hört‘ ich flüstern, daß sie tauge

mich zu töten ganz.

 

Anemone! Küssen

laß mich dein Gesicht:

Ungespiegelt von den Flüssen

Styx und Lethe, ohne Wissen

um das Nein und Nicht.

 

Ohne zu verführen,

lebst und bist du da,

still mein Herz zu rühren,

ohne es zu schüren -

Kind Nausikaa!



Daphne an der Sommerwende

I »... UT ERUAM TE«

 

Wird die Verfolgte sich retten

vor seiner düsteren Brunst?

Ihre Gelenke zu ketten,

wirft er ihr Erdrauch und Kletten

zu als ein Zeichen der Gunst.

 

Glühend, erreicht sie des flachen,

ländlichen Gartens Geviert,

Löwenmaul sperrt seinen Rachen,

ach, und wie feurige Drachen

blühen die Bohnen verwirrt.

 

Mitleidlos wölben die lauen

Frühsommeräpfel die Brust,

schließt ihre Finger, die schlauen,

Demeter schnell um der blauen

Kapseln betäubende Lust.

 

Ist eine Zuflucht noch offen?

Lodern dort Fittiche auf?

Da, zwischen Seufzen und Hoffen,

hemmt, von Verwandlung betroffen,

plötzlich das Jahr seinen Lauf,

 

Und wie sich Erbsen entbinden

jäh von der goldgrünen Wand,

perlen im Anschlag die linden

Tage und rollen und schwinden

kühl durch des Hochsommers Hand.

 

II »JOANNES EST NOMEN EIUS«

 

Dunkler Glut entzogen,

war sie kaum vorbei,

als, zurückgeflogen,

kam ein Jubelschrei -

als bestäubte Schwingen

blitzten in dem Glanz,

sich zu Ätherringen

hob der Schwalbenschwanz -

 

Als in helle Haare,

hüllte sich der Mais,

kupferne Talare

rauschten um den Greis,

der im Weizen wohnte,

o Melchisedek -

als mit Wandlung lohnte

der Verfolgten Schreck.

 

Zwischen Tor und Riegel,

Fülle und Zunicht

er, dem Vogelflügel

rahmten das Gesicht -

er, der sie gewendet

mitten in dem Jahr

und Apoll geblendet

mit dem Flügelpaar.

 

III »...ET ERIT GAUDIUM TIBI«

 

Dreimal von ihr ausgestoßen,

füllte Daphnes Schrei

bis zum Rande alle Rosen,

und im Bild der pollenlosen

ward Natur erst frei.

 

Leise in dem Staubgemach

scholl es dreimal nach.

 

Und das Staubgemach erbebte

wie der Schöpfung Ohr,

als der Jubelschrei entschwebte,

denn was hauchend ihn belebte,

trat als Echo vor.

 

Niederfiel das Staubgemach

in dem Ach! Ach! Ach!

 

Trug der Hauch die Vogelschwinge

oder sie den Hauch?

Mit dem Wort im gleichen Ringe

waren Hauch und Vogelschwinge

und Apollo auch.

 

Träumend sann er nach

ihm im Staubgemach.



Gleichzeitig

Mohn an der römischen Mauer,

Träume von Ewigkeit her!

Bachbett voll glitzernder Trauer,

Gruß aus dem Marmarameer.

Rostiges Eisen. Kanister.

Fliegenumwimmeltes Aas.

Troja und Friedhof Geschwister

Tief unter Nesseln und Gras.

 

Ausdrusch, und Welle um Welle,

wenn die Maschine sich wirft.

Abgesang, Mündung wird Quelle,

welche sich auftrinkt und schlürft.

Spelz, der den Abend verdunkelt.

Plump an dem Ufer der Schwan,

später von Sternen umfunkelt,

pfälzischer Leda Galan.

 

Endlich die Wagen, die Säcke,

platzend von Körnern wie eh.

Wieder der Pflug und die Egge,

Kalk auf den Feldern wie Schnee.

Frieden und nächtliche Kühle.

Uralte Steine, gesellt,

drehn ruhig sich in der Mühle.

Brot zur Erlösung der Welt.





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